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Sieben Monate sind nun vergangen, in denen Stephan sich mir anvertraut hat und sein Ziel, wie ihr lesen könnt, erfolgreich erreicht hat. Mit der Familie im Rücken zum IRONMAN-FINISH:

Lange Tage fangen in der Regel früh an, bei mir war es um 4:15 soweit. Zunächst ein kurzes Reinhorchen in den Körper: Die rechte Wade, die Anfang der Woche permanent drückte, meldet sich nicht. Gut. Überhaupt bin ich ziemlich ruhig und entspannt, was für mich eher ungewöhnlich ist! Dann aufstehen, rein in die Klamotten, an der Rezeption meine Selbstverpflegung fürs Rad abgeholt – sie hatten mir die Sachen ins Tiefkühlfach gelegt – und ab zum Frühstück, das im Hotel an diesem Tag ab 4:30 angeboten wurde. Hier bleibe ich bei Altbewährtem – wie auch die letzten Tage ich überhaupt beim Essen eher vorsichtig war: Toast, Kaffee, Wasser. Wieder im Zimmer wird die restliche Familie eingesammelt, die letzten Sachen im Rucksack verstaut und los geht es zum Auto (dass mußte ich am Vorabend nach dem Rad Checkin noch tauschen, da das vorherige besorgniserregende Geräusche an der Achse machte!).

Die wenigen Kilometer zwischen Puerto Calero und Porto del Carmen sind schnell gefahren, in der Nähe des alten Hafens auch ein Parkplatz gefunden. Auf dem Weg zur Wechselzone kommt mir noch Jan Frodeno entgegen – wie schon am Tag zuvor IN der Wechselzone beim Einchecken. Dann verabschiede ich mich erst einmal von meiner Familie – ich werde gleich noch Sachen anreichen, dann fest abgemacht ist ein Wiedersehen im Selbstverpflegungsbereich beim Laufen, alles andere ist Bonus 😉!

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In der Wechselzone hänge ich zunächst meinen Selbstverpflegungsbeutel (mit meiner zweiten Geldtasche, Stickers und Erdnüssen) für die Radstrecke an den Haken, dann geht es weiter zum Rad … das schaukelt leicht im Morgenwind. Die Reifen sind schnell aufgepumpt, der Radcomputer angeschaltet, Sensoren verbunden und die richtige Seite aufgerufen – wird mir nachher beim Wechsel bestimmt 3-4 Sekunden einsparen 😉! Dann gebe ich meine Pumpe und Rucksack über den Zaun an meine Frau. Es geht weiter in das Wechselzelt zum leidigen Anziehen des Neoprenanzuges. Dank der Hilfe eines Athleten ist das aber auch mit dem Verschließen schnell geschafft. Jetzt noch den Beutel mit meinen Klamotten an den Haken – und ich bin eigentlich fertig!

Draußen treffe ich noch einmal meine Familie, ehe ich mich Richtung Schwimmstart mache, um zumindest noch einmal kurz ins Wasser zu gehen. „Einschwimmen“ wäre eindeutig übertrieben, aber man hat sich zumindest vor dem Start schon einmal sportiv bewegt. Und dann reihe ich mich im Startblock ein. Dort gibt es – zumindest für mich nicht ersichtlich – keine Markierungen für angepeilte Schwimmzeiten. Aber durch Herumfragen bei den „Nachbarn“ finde ich schnell einen Platz zwischen Athleten, die wie ich 90 Minuten anpeilen. In diesen letzten Minuten vor dem Start werde ich dann auch endlich nervös – bisher war ich sehr entspannt.

Dann ertönt die Starthupe – bis sich bei uns etwas tut, dauert es aber noch eine Weile. Überhaupt geht es in meiner unmittelbaren Umgebung recht entspannt zu, selbst im Wasser geht es noch halbwegs gesittet zu, viele Schläge und Tritte muss ich nicht einstecken und finde daher auch recht schnell meinen Rhythmus. Mit dem Meerwasser komme ich auch klar, und die erste Runde vergeht recht unspektakulär. Bei dem kurzen Landgang zu Runde zwei schaue ich das erste Mal auf die Uhr: Die 45 Minuten zeigen mir, dass ich für meine Verhältnisse sehr gut unterwegs bin – und meine größte Befürchtung tritt somit auch nicht ein: Den Profis im Wege zu sein! An der ersten Boje der zweiten Runde komme ich irgendwie recht weit raus, und habe so erst einmal mehr mit dem aufkommendem Wellengang zu kämpfen. Außerdem habe ich ständig das Gefühl mein Transponderband sei locker (ist es aber nicht). Davon abgesehen, kann ich aber meinen Rhythmus beihalten und komme nach 91 Minuten aus dem Wasser – YEAH!

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Auf dem Weg zum Wechselzelt stehen auch meine Familie – mein Großer schießt ein paar coole Fotos – aber ich sehe sie irgendwie nicht! Durch meine Startnummer hängt mein Wechselbeutel sehr durchrennfreundlich „am Gang“ und ab ins Zelt. Ich lasse mich, während ich mich aus dem Neo pelle und flüchtig abtrockene, noch mit Sonnencreme einschmieren. Viel hilft viel? Ich hatte mich im Übrigen dazu entschieden, alles, was ich für das Rad brauche im Beutel zu haben und nichts am Rad: Zum einen war ich mir bei dem Wind nicht sicher, ob es dann noch da ist, wo ich es zurückgelassen habe, zum anderen wollte ich am Rad nicht noch einmal an mir rumfriemeln! Außerdem ziehe ich auch schon die Radschuhe an, damit ich mir die Füße auf dem Weg zum Rad nicht wieder einsande; damit nehme ich in Kauf, durch die ganze Wechselzone mit Radschuhen zu „watscheln“ – kann ich aber ! Hinter dem Zelt sehe ich dann endlich noch einmal meine ganze Familie! Und mit ihren guten Wünschen renne ich zum Rad – welches ich auf Anhieb finde – und los geht es zum Aufstiegspunkt.

Die ersten Kilometer kurbele ich locker los – ich lasse mich nicht durch vorpreschende „Kollegen“ beirren. Zum einen möchte ich so langsam in Tritt kommen, zum anderen erst einmal die Windverhältnisse ausloten. Zwar bläst der Wind noch stramm aber nicht mehr so stark, wie in den Tagen zuvor – da war ich voll und ganz damit beschäftigt nicht von der Straße geweht zu werden! Bei der ersten abschüssigen Passage ein Schreckmoment: Ich kann nicht auf das große Kettenblatt schalten! Egal ob am Aero- oder Basebar, es tut sich nichts. Doof, da es ja auf der letzten Ausfahrt noch tadellos funktioniert hat – andererseits umgekehrt wäre es deutlich schlimmer! Ich warte auf einen Kreisverkehr, an dem ich ohnehin abbremsen muss, fahre rechts raus, ziehe den Stecker vom Umwerfer, stecke ihn wieder rein, teste – und es geht! Dann wieder ab aufs Rad und weiter. Schon jetzt gewöhne ich mich an meine Ernährungsroutine: Alle 20 Minuten ein kräftiger Schluck aus der Gelpulle und ansonsten Wasser; der Rest der Wasserflasche kommt vor der Verpflegungsstelle noch über den Kopf zur Kühlung.

Nach Yaiza, geht es erst einmal runter nach El Golfo, leicht abschüssig – endlich wird mal etwas für den Schnitt gemacht ! Nachteil von El Golfo: Ab da geht es bis zum Timanfaya nur noch bergan. Aber ich komme ganz gut klar, sehe zu, dass ich in meinen Wattbereichen bleibe und die Trittfrequenz hoch halte. So komme ich gut voran, auch die lange Gerade durch die Lavafelder des Timanfaya kann ich gut fahren, überhole auch mehr, als das ich überholt werde – nicht das es mir um Platzierung geht, aber für den Kopf ist es gut ! Hinter dem Timanfaya komme ich richtig in Tritt und es läuft richtig gut! Auch der Kopf ist zufrieden: Passagen, die ich vor Tagen noch auf dem Basebar fahren musste und mit aller Kraft gegen den Wind drücken musste, gehen heute über weite Strecken in Aeroposition. In La Santa merke ich aber, dass ich die letzten 20 Kilometer vielleicht etwas euphorisch war – obwohl ich eigentlich in meinem „Wattfenster“ war – und beschließe lieber ein Ritzel leichter zu fahren. Genau zum richtigen Zeitpunkt, denn ab Famara geht es erst einmal nur noch bergauf. Nach der Hälfte der Strecke habe ich 3,5 Stunden Rad auf der Uhr – wohl wissend das der zähe Teil jetzt erst kommt, stimmt mich das aber doch positiv: Ich bin mir auf einmal sicher, dass alles zu schaffen!

Jetzt ist es auch nicht mehr weit bis zu meinem Snickers in meinem Selbstverpflegunsbeutel! Zumindest von den Kilometern her nicht weit – Zeit ist ein anderes Thema! Aber dennoch bin ich endlich an meinem Beutel: Ich tausche meine Gelflasche aus, und gönne mir ein Snickers, bevor es in die Abfahrt nach Haria geht. Mit dem Zeitfahrrad nur bedingt schön. Macht aber nichts, denn es wird ohnehin wieder bald bergauf gehen bis zum Mirador del Rio. Dort ist es bedeckt und windig – und es stehen 5,5 Stunden Rad auf der Uhr. Die anschließende Abfahrt gehe ich wieder verhalten an, bevor es „unten“ mit Rückenwind ans Kilometerfressen geht. Balsam für die geschundene Kletterseele … und dem Schnitt! 😉
In Tahiche ist es aber wieder Schluß mit lustig! Erst einmal muss man bei Gegenwind hinauf nach Nazareth fahren und nach der dortigen Verpflegungsstelle geht es auf die 3 Kilometer lange Buckelpiste, die man bei Paris-Roubaix bestimmt auch als Sektor durchgehen lassen würde! Ab Kilometer 160 kenne ich die Strecke wieder und irgendwie vergehen diese Kilometer schneller. Vor der letzten Anhöhe sind drei, vier Leute um mich rum, oben auf der Kuppe schert einer vor mir aus, bleibt stehen … und kotzt über den Lenker! Ich bin von solchen „Aktivitäten“ zum Glück weit entfernt, mein Ernährungsplan – Wasser und Gel – geht bisher auf! Dann noch eine schnelle Abfahrt hinunter nach Puerto del Carmen und eine letztes Stück bei starkem Gegenwind auf der Umgehungsstraße und dann bin ich auf der Promenade, lasse ausrollen und bin nach 7,5 Stunden auf dem Rad wieder in der Wechselzone.

Dort gebe ich meinen Rad ab, klackere zu meinem Beutel, kurz aufs Klo und dann schnell in die Laufklamotten. Nach sechs Minuten bin ich wieder auf der Piste! Und somit gehe ich meinen ersten Marathon an – natürlich viel zu schnell! Und selbst als ich versuche mich zu bremsen, bin ich zu schnell; zumindest auf dem ersten Kilometer! Dann finde ich aber mein Tempo zwischen 6:15 und 6:30 – das fühlt sich irgendwie so an, als könnte ich das eine Weile durchstehen. Bei Kilometer zwei sehe ich ein Mädel, das vor mir aus der Wechselzone geprescht ist, die jetzt da steht, und sich dehnt! Wird wohl ein langer Tag für sie!? Ich bleibe in meinem Tempo, auch nach Kilometer fünf bleibe ich dabei und versuche nicht schneller zu laufen. Zum Flughafen raus wird es dann auch etwas übersichtlicher auf der Laufstrecke und es finden sich die üblichen Verdächtigen ein, die sich die restliche Zeit um einen bewegen werden. Durch Playa Honda geht es nach Playa del Cable, wo endlich der Wendepunkt ist. Die ersten zehn Kilometer sind im Sack! Als Verpflegung habe ich zwei Gelfläschchen dabei, die mich durch den Halbmarathon bringen sollen, und in der Selbstverpflegungszone wartet meine Frau mit zwei weiteren Flaschen für die zweite Hälfte. Ich merke aber zwei Dinge: So langsam aber sicher habe ich keinen Nerv mehr auf das Zeug. Zum anderen habe ich das Gefühl, das das auf Dauer auch mein Magen nicht mitmacht – zumindest sicher nicht den ganzen Marathon durch. Da in dem Gel auch mein Salztabletten aufgelöst sind, mache ich mit mir den Vertrag, den Halbmarathon an meinem Ernährungsplan festzuhalten und frühestens dann auf Cola und Wasser umzusteigen. Als ich wieder am Flughafen bin, komme ich in den Genuss einer startenden Maschine die mir noch einmal ordentlich „Seitenwind“ beschert! 😉 Auf dem Weg zum Ziel/Wendepunkt sehe ich schon meine Frau und die Kinder bereit stehen, ich hole mir aber vorher noch mein erstes Bändchen ab. Dann „docke“ ich bei ihnen kurz an: Bis jetzt habe ich anstatt zwei Gelfläschchen gerade mal eine „geschafft“ – und eigentlich will ich auch kein Gel mehr! Ich behalte eine noch bei mir – mehr so für den Kopf – und lasse die beiden, die meine Familie mir anreichen sollte, im Beutel. Meine Frau macht mir Mut: „Du hast schon über die Hälfte geschafft“ – in meinem Kopf gehen gerade eigentlich genau die gegenteiligen Gedanken durch den Kopf; wenngleich ich nach wie vor überzeugt bin, es zu schaffen – nur wie bleibt die Frage 😉!?

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Die Aufteilung der Strecke ist ganz gut für den Kopf: Erst der Halbmarathon, dann noch zwei Mal 10km – oder vier Mal fünf. Die Salamischeiben werden zum Ende hin kleiner! 😉 Ich kann nach wie vor mein Tempo laufen, gehe jetzt aber durch die Verpflegungsstellen um in Ruhe zu trinken, das Anlaufen klappt aber immer ohne Probleme. Auch habe ich keinerlei muskuläre Probleme, die mich in den Trainingsläufen oft geplagt haben – alles ist gut! Und so vergeht Kilometer um Kilometer. Nach meiner zweiten Ziel/Wendepunktpassage komme ich noch einmal bei meiner Familie vorbei – jetzt werden wir uns erst wieder am Ziel sehen! Weiter geht es! Bei Kilometer 37 ist der letzte Wendepunkt erreicht – und ab dieser Wende werde ich langsamer: Zwischen 6:45 und 7:00 steht jetzt immer auf der Uhr. Also ein „Einbruch“ ist das nicht wirklich. 2000m vor dem Ziel gibt dann meine Uhr den Geist auf: Akku leer. Aber jetzt braucht man nicht mehr wirklich irgendwelche Informationen, das Ziel ist nahe. Die letzten 500m sind dann die Wucht: Man weiß jetzt ganz sicher, es im Sack zu haben, die Leute feuern einen an, alles fühlt sich gut an!

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Noch ein kurzer Stop bei der Familie und dann geht es endlich nicht nach rechts zum Wendepunkt, sondern nach links in die Zielgasse. Dort gibt es noch kurz Gedränge, weil jemand vor mir noch seine Großfamilie sortieren muss, und dann ist es endlich geschafft:

YOU ARE AN IRONMAN!

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Nach 13:48 bin ich im Ziel – müde, aber heile und ohne Schmerzen! Die nächsten Tage wird mich auch nur eine wund gelaufene Stelle am Oberschenkel und eine schmerzende rechte Hand (vom Rad-gegen-den-Wind-drücken) beschäftigen. Am Ende kann man also sagen: Alles richtig gemacht! 😀
Im Zielbereich bin ich nicht so lange – ich möchte eigentlich nur unter eine Dusche und ins Bett: Also runter an den Strand, die Beutel eingesammelt, im Zelt umgezogen und noch kurze eine Cola und Banane (feste Nahrung!) zu mir genommen und dann telefoniere ich mich mit meiner Herde zusammen, die mich dann auch schnell ins Hotel zurückbringt!