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Der „längste Tag des Jahres“ fängt für mich um 3:15 nach einer mäßig durchschlafenen Nacht an. Nach einem kurzen Frühstück schwinge ich mich in die Klamotten, dekoriere mich mit den Startnummertatoos, packe letzte Dinge in den Rucksack und Afterrace-Beutel; dann kümmere ich mich darum meine Familie ins Auto zu verfrachten und um kurz nach vier geht es zum Langener Waldsee. Dort angekommen, gibt es den langen Marsch vom Parkplatz zur Wechselzone. Dort verabschiede ich mich erst einmal von meiner Herde, um mein Rad fertig zu machen. Auf dem Weg dorthin wird verkündet, das man heute danke der 24,1°C Wassertemperatur MIT Neoprenanzug schwimmen darf – obwohl ich der Entscheidung merkwürdigerweise gelassen entgegengesehen hatte, kommt sie mir doch entgegen. Aber keine 60 Sekunden später sehe ich mich mit einem ganz anderen Problem konfrontiert: Nachdem ich meine Reifen aufgepumpt habe, der Tacho montiert ist, will ich noch meine Trinkflaschen – eine mit Wasser, die andere mit meiner Tagesration an Gel und Salz gefüllt – in die Halter stecken. Nur … sie sind nicht im Rucksack! Und mir wird ganz schnell klar, das meine gesamte vorbereitete Verpflegung zu Hause im Kühlschrank schlummert! Es ist noch eine gute Stunde zum Start … und ich mental gerade fertig mit der Welt!

Wenn es ein Thema in den letzten Wochen gab, dann war es das „Feintuning“ bei der Ernährung, sogar extra noch den Hersteller angeschrieben, um Detailfragen nachzugehen. Und dann lasse ich das einfach zu Hause liegen. In der Aufbruchshektik schlicht vergessen. Den letzten Punkt auf meiner Liste nicht abgehakt! Außerdem heisst das, dass ich außer dem Gel vor dem Start bis zur ersten Verpflegungszone einfach nichts bei mir haben werde!

Also gehe ich erste einmal unverrichteter Dinge zurück zu meiner Herde. Bei der kann ich mir zumindest dann doch eine Trinkflasche mit Wasser auffüllen – dann habe ich wenigstens etwas zu trinken am Rad. Und meine Frau drückt mir noch ein HIPP Fruchtquetschi in die Hand – energetisch wohl eher eine Nullnummer aber für den Kopf Gold wert. Also noch einmal in die Wechselzone zum Rad und meine Wasserflasche in den Halter und den Fruchtquteschi auf den Lenker. So zumindest mental gestärkt geht es wieder zu Herde mit der es Richtung Schwimmstart geht. Auf dem Weg wird natürlich noch diskutiert, wie ich doch noch an meinen Verpflegungskrempel kommen könnte. Aber bei allen Ideen ist die Zeit der limitierende Faktor. Bis mir plötzlich die Idee kommt, die funktionieren könnte: Meine Frau fährt jetzt sofort nach Hause, holt zumindest meine Radflasche – fürs Laufen lag ein Gelfläschchen schon im Wechselbeutel – und bringt sie an den Servicepunkt hinter Hochstadt. So hätte ich wenigsten ab Radkilometer 25 meine Sachen bei mir. So wird es auch gemacht – und so verabschiede ich mich schon jetzt von meiner Herde. Während die sich gegen den Strom zurück zum Parkplatz kämpft, steige ich in die Neopelle, schwimme mich sogar etwas ein und gehe dann in dem Startblock der eine Schwimmzeit zwischen 1:20-1:30 vorsieht.
Nach dem Start der Profimänner und – frauen beginnt dann bald auch der rollende Start der Agegrouper. Nach meiner eher dürftigen Erfahrung aus dem Kraichgau mit dieser Art des Starts bin ich auch zunächst skeptisch, ob das auch halbwegs zügig von statten geht. Aber wider Erwarten geht es doch recht schnell und gegen 7:00 darf ich mich in die Fluten des Langener Waldsees stürzen. Gefühlt schwimme ich entspannt, dass ich große Strecken dreizügig schwimme untermauert mein Gefühl. Auch größeres Gehaue bleibt aus, selbst an den Bojen geht es zivilisiert zu … doch NACH der Boje geht es auf einmal damit los. Das hängt aber vermutlich damit zusammen, dass man jetzt gegen die Sonne schwimmt und darunter die Orientierung leidet – bei allen. Nach gut 1.5km gibt es einen kurzen Landgang. Ein schneller Blick auf die Uhr verrät, dass ich für meine Verhältnisse gut in der Zeit liege. Und schon geht es wieder ins Wasser. So ab Kilometer 2,5 fängt das Schwimmen mich an zu nerven, obwohl ich nach wie vor gut meinen Rhythmus schwimmen kann. Wieder gibt es ein Stück auf der zweiten Runde, das man gegen die Sonne schwimmt, wieder Orientierungslosigkeit, wieder Gehaue. Dann die letzte Wendeboje – und man denkt, man ist jetzt fast da, obwohl es noch gut 600m sind, die sich elendig ziehen. Doch schließlich nach 1:24 darf ich aus dem Wasser – damit bin ich zufrieden!
Dann geht es den Strand hoch zur Wechselzone und schon da merke ich, dass die Beine heute nicht gut sind! Meinen Beutel finde ich schnell und auch das Umziehen geht schnell von statten. Der Segen eines schlechten Schwimmers ist ja, dass nicht mehr so viele Räder in der Wechselzone sind. Da ich mich zudem noch gut orientieren kann bin ich schnell an meinem Rad. Dort ziehe ich mir erstmal meinen Fruchtquetschi rein und ab zum Ausgang und auf die Radstrecke. Das alles Dauer fast sieben Minuten.
Auf dem Rad gehe ich die Sache zunächst bewusst defensiv an, bleibe weit unter meinen Leistungswerten, die ich treten dürfte, einfach aus Angst mich aufgrund meines Versorgungsengpasses abzuschiessen. Trotzdem geht es recht schnell nach Frankfurt rein und durch die Stadt – es ist schon toll auf den bekannten Straßen auf dem bollernden Zeitfahrad zu fahren.
Überhaupt, ich hatte ja ein wenig im Vorfeld befürchtet, die Radstrecke würde mich langweilen, da ich diese ja schon auf zig Trainingsfahrten unter die Räder genommen hatte. Aber im Gegenteil war es für den Kopf gut, zu wissen, was kommt. In Bergen-Enkheim nehme ich sicherheitshalber ein Flasche Iso auf, damit ich auf alle Fälle irgendetwas mit Energie bei mir habe. Aber schon nach ein paar Schlucken merke ich, dass Powerbar und ich nach wie vor keine Freunde sind! Nach dem anschließenden „The Beast“ und einer rauschenden Abfahrt, geht es das erste Mal nach Hochstadt auf die Kopfsteinpflasterpassage. Leider glauben meine unmittelbaren Mitstreiter dieser am besten dadurch zu begegnen, dass man möglichst vorsichtig um die Pflastersteine schwenkt. Das ist zum einen ein Irrglaube und braucht auch eine Menge Platz :(! Die einzige Möglichkeit um Pflastersteine zu ertragen lautet: Vollgas! Nachdem das überstanden ist, wird es gleich wieder spannend: Wenige hundert Meter hinter „The hell“ wartet die Servicestation – und meine Trinkflasche mit dem Gel! Und so mental und energetisch gestärkt geht es weiter – aber es soll noch eine weitere Stunde dauern, bis die Beine in einen“Okay-Modus“ übergehen! Nach wie vor kann ich nicht meine Wattwerte wie gewohnt treten – es wird mir auch auf der verbleibenden Radstrecke nicht gelingen. Auch muss ich immer wieder Husten – so wie ich es eigentlich nur NACH dem Rennen kenne. So werden die Kilometer abgespult, immer wieder an das Gel denken, ans Trinken – und auch daran, sich von außen mit Wasser zu kühlen. Hinter Friedberg auf einer Abfahrt komme ich an einem Unfall vorbei: Ein Mitstreiter liegt am Boden, noch in den Pedalen eingeklickt; er wird aber auch schon versorgt. Ich schaue nicht hin, aber das Kopfkino fängt natürlich sofort an. Zeiten relativieren sich auf einmal, ich denke an meine Herde, die an der Strecke verteilt steht und auf mich wartet! Etwa bei Kilometer 70 höre ich den Hubschrauber hinter mir. Bald kommen Motorräder und in einer Passage, wo es eigentlich bei mir ganz gut rollt, kommen Sebastian Kienle und kurz darauf Andi Böcherer vorbeigeflogen! Ist schon irgendwie krass – die sind bereits auf ihrer zweiten Runde! Diese erreiche ich erst nach weiteren gut 20km.
Auf der zweiten Runde sehe ich dann an der Mainkur auch endlich meinen Freund Marco zusammen mit meinem großen Kurzen, das motiviert. Wenig später sehe ich in Hochstadt noch zwei weitere bekannte Gesichter – das ist das schöne am Heimrennen ;)! Ich fahre meinen Rhythmus, komme die Anstiege und Pflasterpassage gut durch und sehe zu mich regelmäßig zu verpflegen. So vergehen die Kilometer, und nach einer zweiten Passage des „Heartbreak Hills“ geht es bergab Richtung Frankfurt, Richtung Wechselzone. Nach unter sechs Stunden komme ich dort an, gebe mein Rad ab und stakse Richtung Wechselbeutel.
Nach einem kurzen Boxenstopp finde ich meinen Beutel wieder recht schnell, auch der Wechsel geht schnell von statten. Nach nicht einmal vier Minuten bin ich auf der Laufstrecke!
Und damit beginnt das ganze Drama! Obwohl ich flott anlaufen kann, fühlt es sich von Anfang an nicht gut an: Die Beine fühlen sich nicht gut an, der Magen gibt mir zu signalisieren, dass ich die Flasche mit Gel auch im Wechselbeutel hätte lassen können, ich huste nach wie vor – alles nicht so gut. Trotzdem – obwohl immer langsamer werdend – laufe ich die ersten 10km noch in etwa einer Stunde. In der zweiten Runde – an die ich mich kaum mehr erinnern kann – werde ich noch langsamer, kann aber noch durchlaufen. Meine Verpflegung besteht mittlerweile aus Wasser, Cola und wo angeboten Salzwasser. Das klappt mal besser mal schlechter. Mittlerweile stellt sich auch phasenweise leichter Schwindel ein. Ich komme anfangs der dritten Runde zu meiner Herde; und ich muss ausscheren und mich zu ihnen setzen weil auf einmal NICHTS mehr geht. Hatten sich bis dato meine verschiedenen „Brandherde“ immer etwas abgewechselt kam in diesem Moment alles zusammen! Ich denke ernsthaft über das Aufgeben nach. Gutes Zureden und die Aussicht drei Verpflegungsstellen weiter meinen Freund Marco zu treffen treiben mich dann letztlich dazu an, wieder anzulaufen. Aber fast sofort merke ich, dass es mir eigentlich nicht wesentlich besser geht! Am nächsten Verpflegungskosten greife ich wieder mein obligatorisches Wasser und Cola ab und gehe an die Seite. Wieder denke ich ans Aufgeben, dass es einfach nur vorbei sein soll! Ich gehe sogar schon einige Schritte zurück in Richtung Sanitätszelt. Und jetzt kommt wieder eine Stelle, an die ich mich nicht 100%ig erinnern kann, warum ich doch wieder kehrt gemacht habe und doch wieder angelaufen bin! Zum einen der Gedanke, dass ich schon über 200km hinter mich gebracht habe, dass mir „nur“ noch verflixte 20.000m fehlen! Aber auch, dass ich mich seit November durch eine teils schwierige Vorbereitung gebracht habe mit vielen mentalen und gesundheitlichen Tiefs – und das ich das doch nicht einfach alles „wegschmeissen“ kann! Also gibt es für mich jetzt folgenden Deal: 250m gehen, 750m laufen – Brücken und Verpflegungszonen werden auch grundsätzlich gegangen. Mit dieser „Taktik“ ringe ich Kilometer für Kilometer ab … nur noch 19x … 18x … zudem haben sich meine Freunde mittlerweile strategisch an der Laufstrecke platziert, sodass noch zusätzliche Zwischenziele entstehen. Und dann habe ich das dritte Bändchen am Arm. Nur noch eins und ich bin „zu Hause“. Auf der letzten Runde werden nun die Beine schwerer, meine 250m Gehintervalle werden zum Teil großzügiger ausgelegt. Interessant bleibt, das, wenn ich laufe, ich meine „normale“ Marathonpace laufen kann! Aber ganz egal wie, die Kilometer werden weniger!
Und dann ist er da, der lang ersehnte Moment, an den ich kaum mehr geglaubt habe: Ich darf nach rechts in den Zielkorridor einlaufen. Meine Herde und meine Freund stehen am Anfang und ich freue mich einfach riesig, dass sie bei mir sind, und es sehen können, dass ich es dank ihrer Hilfe geschafft habe! Es geht den Römer bergan – das merke ich aber nicht, weil es einfach ein so tolles Gefühl ist, da zu laufen, bejubelt und abgeklatscht zu werden. Ein kurzes Sortieren mit zwei anderen Mitstreitern und dann laufe ich nach 12:48:30 im Ziel ein – und bin zum zweiten Mal ein Ironman!
Hinter dem Zielbogen bekommt man das heißbegehrte Stück Blech um den Hals und wird von einem Helfer in die Hand genommen. Man erkundigt sich, wie es mir geht, was ich möchte – und ehrlich gesagt, in diesem Moment nur meine Ruhe! Im Athletes Garden angekommen gibt es erst noch einmal ein Foto und dann stehe ich erstmal nur eine Weile rum und genieße den Augenblick!
Danach lasse ich mir meinen Beutel reichen und dusche mich ab. Die Massage lasse ich links liegen, hole mein Finishershirt und hole mir etwas zu Essen: Alkoholfreies Bier, Würstchen und Brötchen – bloß nichts Süßes! 😀 Aber schon bald erhalte ich Nachricht von meinen Lieben, dass sie „draußen“ mit meinem „Fanclub“ warten! Deren Tag war auch lang – und es wäre nur zu unhöflich sie jetzt warten zu lassen, oder!? 😉
Der zweite ironman sei schwerer, als der erste – bei mir trifft das voll und ganz zu. Auch das jedes Rennen anders ist. Und das man immer dazu lernt – und selbst wenn es nur die Tatsache ist, das man das nahezu perfekte Rennen schon mal hatte! 😉
In der Vorbereitungszeit, hatte ich meinem Coach avisiert, dass ich nach Frankfurt erstmal eine Pause brauche – vom Triathlon und der Langdistanz im Speziellen. Mehr Radveranstaltungen wolle ich fahren, habe ich gesagt. Mit dem Plan die ganze Zeit ist so streßig, habe ich mir gedacht. Wieso hänge ich jetzt die ganze Zeit im Internet und schaue nach einer Langdistanz, die ich nächstes Jahr machen könnte?
Komischer Sport! 😉